Zum Werk von Ursula Reichart

Rainer Braxmaier

… Schon ein flüchtiger Blick auf die Malerei von Ursula Reichart genügt, um einen atmosphärischen Eindruck zu erhalten. Die Künstlerin changiert zwischen Dickicht und Licht, überträgt das Tempo ihres Malaktes auf die Beweglichkeit der Strukturen – alles scheint zu fließen; gelegentliche Verdichtungen verweisen zugleich auf benachbarte Durchblicke. Es fehlt die feste Form, alles scheint im Übergang. Tiefe und Raum sind keine Konstruktionen, sondern ergeben sich aus dem Fluss der Farbe. Das Resultat ist nicht nur ein festgefügtes Bild, sondern zugleich ein Report ihrer eigenen körperlichen und inneren Bewegungen. Die Ordnung der Dinge fügt sich dem unter.

Bei aller Abstraktion lässt die Künstlerin dennoch zu, dass die Interpretation ihren Spuren folgen kann. Die Arbeit des Betrachters ist das Sammeln von Indizien. Die Künstlerin arbeitet gerne in Serien, in Variationen einer bestimmten bildnerischen Idee. Manchmal finden sich in den Bezeichnungen konkrete Hinweise, wie bei der Gruppe der „Auen“ – Bilder: weite Felder und stille Gewässer in der Rheinebene, wucherndes Wachstum, Ausgrenzen der Zivilisation. Bodenloses Land also. Oder bei der fortlaufenden Serie „Lyrische Stücke“ – benannt nach dem Werk von Edvard Grieg.

Das Gewachsene, Organische wird spürbar, aber niemals ausgesprochen. Die Zeichen sind frei von jedem Gegenstandsbezug, leben vom bildnerischen Temperament der Autorin. Es sind letztlich Chiffren des Atmosphärischen, geschult an der Begegnung mit der Natur.

(aus dem Text von Rainer Braxmaier „Chiffren des Atmosphärischen“,
Ursula Reichart Malerei ·Zeichnung, Katalog 2024 auf der Homepage)

www.ursula-reichart.de